Dürrmenz (bei Mühlacker)

Dürrmenz (Baden-Württemberg)

Dürrmenz bildete jahrhundertelang den alten Ortskern der heutigen Stadt Mühlacker, die selbst damals nur ein Weiler war. Bereits 779 wird Dürrmenz zum ersten Mal im Codex der Abtei Lorsch erwähnt. Im 13. Jahrhundert erbaute Heinrich I., Herr von Dürrmenz, die Burg Löffelstelz, die im Bauernkrieg zerstört wurde. Im Dreißigjährigen Krieg wurde der Ort fast völlig entvölkert. Als im Jahre 1688 die Raubzüge des Sonnenkönigs Ludwig XIV. begannen, wurde auch Dürrmenz auf Grund seiner Lage am Knotenpunkt dreier Heerstraßen stark in Mitleidenschaft gezogen und erneut nahezu ganz entvölkert.

Die Gründung der Kolonie

Im Mai 1699 hatten sich in und um Dürrmenz etwa 1.700 Flüchtlinge angesammelt. Es war der Hauptteil der vertriebenen Waldenser, die in Württemberg aufgenommen werden sollten. Ihr Anführer war der Pfarrer Henri Arnaud. Sie wurden zunächst in den Redouten, Blockhäusern und Baracken, die zur Einrichtung der rings um den Brückenkopf Dürrmenz errichteten Schanzen der Eppinger Linie gehörten, untergebracht und vom holländischen Gesandten Valkenier und dem Maulbronner Vogt Georg Martin Greber betreut. Am 11. Juni 1699 erfolgte die definitive Gründung der zusammengehörigen fünf Stammgemeinden. Im Gegensatz zu Großvillars, Perouse, Pinache, die ein eigenes Dorf gründeten, hängte la communauté de Lucerne et Queyras, die sich in Dürrmenz niederließ, ihre Häuser an das bereits bestehende Dorf an. Diese Siedlung, die später Welschdorf genannt wurde, brannte 1945 durch Beschuß nieder. Heute heißt dieser Teil des Ortes Waldenserstraße

Die Waldenserkirche

Auf Antrag von Henri Arnaud wurde die „steinerne Kirche“ St. Peter aus dem Jahre 835, die seit dem Dreißigjährigen Krieg ruiniert war, den Waldensern und Hugenotten überlassen. Arnaud predigte in ihr bis zu seinem Tode 1721. In dieser Kirche fand 1701 die erste und 1769 die letzte Synode der Waldenser statt. Zu der Gemeinde von Dürrmenz gehörten auch die selbständigen Filialen Corres, Schönenberg (wo Arnaud seit 1702 wohnte und 1719 ein zweite Kirche erbaute) und Sengach. Als 1823 die französisch-reformierte Gemeinde von Dürrmenz in die lutherische Ortsgemeinde aufgenommen wurde, verfiel die Peterskirche. Erst 1899 wurde sie aus Anlaß des Besuches des württembergischen Königs und zur 200jährigen Gedenkfeier der Ankunft der Waldenser wieder renoviert und dient bis heute als Aussegnungskirche auf dem Friedhof St. Peter. Das älteste Kirchenbuch der französisch-reformierten Gemeinde fängt im Jahr 1724 an und wird in der Andreaskirche in Dürrmenz aufbewahrt.

Mühlacker

Technik und Wissenschaft erreichten Dürrmenz mit der Eisenbahnlinie, die in den Jahren 1835 bis 1857 von Stuttgart nach Bruchsal und Pforzheim gebaut wurde. Der Eisenbahnknotenpunkt erhielt den Namen Mühlacker, da Dürrmenz seinen Namen für die Haltestelle verweigerte. Deshalb verlor der ursprüngliche Ortsname Dürrmenz allmählich an Bedeutung. Mit der Erhebung zur Stadt 1930 hieß der Ort nur noch Mühlacker. Während der Gründerzeit siedelte sich mannigfaltige Industrie an. Am 30.11.1930 wurde der Großsender des Süddeutschen Rundfunks eingeweiht.

Das 20. Jahrhundert

Der Zweite Weltkrieg hinterließ seine Spuren. In den letzten Kriegswochen zog die Frontlinie an der Enz entlang; der Stadtteil Dürrmenz (vor allem auch das Welschdorf) wurde stark verwüstet, ebenso das Gelände um den Bahnhof von Bomben zerwühlt. Auch die Henri-Arnaud-Statue von Ruprecht, die am 21. Juli 1935 bei der Herrenwaagbrücke an der Enz eingeweiht war, wurde zerstört; nur ein Gipsabdruck aus der Werkstatt von A. Metzger blieb im Henri-Arnaud-Haus in Schönenberg bewahrt und diente als Grundlage für die Kopie, die 1993 vor der Kirche in Schönenberg aufgestellt wurde. In Dürrmenz wurde 1949 an der Stelle der Statue ein neues Henri-Arnaud-Denkmal von A. Metzger errichtet.
Nach einer schweren Übergangszeit von 1945 bis 1949 setzte ein neuer Aufschwung ein. Eine große Zahl von Vertriebenen aus dem Osten siedelte sich an. Begünstigt durch die gute Verkehrslage entwickelte sich die Wirtschaft kräftig, und es entstanden viele moderne Bauten und ausgedehnte Neusiedlungen. Seit dem Jahre 1973 ist Mühlacker Große Kreisstadt und zählt heute mit seinen Stadtteilen Enzberg, Großglattbach, Lienzingen, Lomersheim und Mühlhausen rund 26.000 Einwohner.


Museum und Literatur

Im Heimatmuseum von Mühlacker erinnert eine kleine Vitrine mit den Abendmahlsgeräten von 1701 und 1735 und dem Testament von Henri Arnaud an die waldensisch-hugenottische Vergangenheit von Dürrmenz.
Literatur: Schmalacker Wyrich, Mühlacker im Wandel der Zeiten, Mühlacker 1979. Eugen Bellon, Vom Dauphiné ins Enztal. Geschichte der Kolonie in der Dürrmenzer Waldensergasse, auf dem Sengach, in Schönenberg und Corres 1685—1835, Eigenverlag 1981. Eugen Bellon,
Vertrieben, verweht, verwurzelt. Die französisch-reformierten Einwanderer in Dürrmenz 1699-1735 (Geschichtsblätter des Deutschen Hugenotten-Vereins, Band XIX, Heft 2-4), Sickte 1987.

Heide Boger


Zu den Bildern:

Die heutige Friedhofskirche St. Peter, die von 1699-1821 den Waldensern und Hugenotten als Gottesdienstraum diente. (Archiv Stadt Mühlacker)

Blick auf die Enzbrücke von Dürrmenz und die Burgruine Löffelstelz . Postkarte um 1914 (Sammlung Vinnay)

Das „Welschdorf“ um 1910 (Archiv Stadt Mühlacker)




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