Großvillars

Für Großvillars endete am 1. Januar 1973 ein rechtliches Kuriosum: das Kondominat. Die Bevölkerung des Waldenserortes, der allerdings nie eine rechtlich selbständige Gemeinde war, entschied sich mit großer Mehrheit, als Ganzes nach Oberderdingen zu gehen. Seit 1866 gehörten zwei Drittel von Großvillars der Stadt Knittlingen, ein Drittel zu Oberderdingen. Die Stadt Knittlingen führte die Verwaltungsgeschäfte und rechnete am Schluß des Jahres nach kompliziertem Schlüssel ihre Ausgaben mit Oberderdingen ab. Wenn es irgend etwas Gemeinsames für Großvillars zu tun gab, mußten sich vorher die politischen Gremien beider Gemeinden einigen. Deshalb war Großvillars aus seiner Vergangenheit gewohnt, daß Streitigkeiten seine Existenz begleiteten. Die Oberderdinger Seite von Großvillars expandierte besonders in der Nachkriegszeit mehr als der Knittlinger Anteil, so daß 1973 320 Großvillarser auf der Oberderdinger und 336 auf der Knittlinger Seite wohnten. Zehn Jahre später wohnten 706 Personen in Großvillars, und am 1. Januar 1993 waren es 908 Einwohner, die bis Januar 1998 auf 973 Einwohner anwuchsen. Großvillars ist der Ortsteil von Oberderdingen mit dem größten Einwohnerzuwachs in den vergangenen 25 Jahren. Und trotzdem hat sich dieser Ort seinen ländlichen Charme bewahrt. Neubaugebiete gibt es im Nordosten, sie wurden dort anfangs der 70er Jahre erschlossen, im Westen sind sie aus den 80er Jahren.

Lage

Der Ort liegt an einem leichten Nordhang und ist in seinem Kern heute noch als „barocke“ Reißbrettsiedlung zu erkennen. Zentral liegt die Kirche, auf die alles zuläuft. Die Heilbronner Straße, die Freudensteiner Straße, welche die Menschen am Sonntag oder an den Wochentagen zur Bibelstunde entlang gehen. Die Kirche hat keinen Vorplatz; der Kirche zugeordnet waren früher das Pfarrhaus - es ist heute privatisiert - und das Rathaus, das jetzt den Sitzungssaal für den Ortschaftsrat und eine Wohnung birgt. Wegen der Sittenstrenge der Waldenser ist es verständlich, daß kein Wirtshaus in unmittelbarer Kirchennähe geduldet wurde; die „Traube“ und der „Adler“ liegen am Ende der alten Siedlung und an der Durchgangsstraße von Knittlingen nach Oberderdingen.

Friedhof und Kirche

Den ursprünglich kirchlichen Friedhof übernahm 1973 die bürgerliche Gemeinde und baute dort gleich eine Leichenhalle, die zehn Jahre später, 1986, erweitert wurde. Auf dem Friedhof steht noch der denkmalgeschützte Grabstein des letzten rein französisch predigenden württembergischen Waldenserpfarrers Daniel Mondon (1767- 1840); ihn ziert eine französische Inschrift, die seinen Wirkungskreis umschreibt. In der Kirche, über dem Eingang auf einem hölzernen Tafelbild mit dem Leuchter und den sieben Sternen, steht Le Seigneur en toutes Saisons soit le garde de cette maison. Die jetzige Kirche stammt aus dem Jahre 1752, ihr Vorgängerbau wurde 1952 abgebrochen und auf seinem Platz, gegenüber dem Rathaus, die Gemeindekelter mit Spritzenhaus errichtet.
Großvillars und Kleinvillars waren bis 1826 eine Kirchengemeinde, sie hießen zur Zeit ihrer Gründung: Colonie vaudoise du villar auch les deux villars. Die Kirchenbücher wurden bis 1826 für Groß- und Kleinvillars gemeinsam geführt, die Taufregister beginnen dort am 8. April 1700, die Heiratsregister 1717; Sterberegister gibt es von 1717-1721 und von 1737-1750, erst ab 1755 wurden sie ordentlich und lückenlos geführt. Konfirmationen sind ab 1717 festgehalten.

Waldenserhäusle

Das Land Baden-Württemberg zeichnete 1986 die „Freudensteiner Straße“ mit einem Staatspreis als gelungene Straßenbaumaßnahme aus. Im Frühjahr blühen dort „türkische Kirschen“ als Straßenbegleitgrün. Die „welschen“ Großvillarser sind in den letzten 300 Jahren tüchtige, fleißige Einheimische geworden.
Erwin Breitinger



Literatur

Literatur: Aus unserer Heimat Oberderdingen, herausgegeben von der Gemeinde Oberderdingen. Zum Waldenserjubiläum 1999 erscheint ein Buch unter dem Titel Großvillarser Familien, eine Ortssippengeschichte mit Darstellung der Eingliederung der Großvillarser reformierten Kirchengemeinde in die lutherische Landeskirche.




Zu den Bildern:

Waldenserkirche von Großvillars, errichtet 1752

Großvillars 1899 (Henri-Arnaud-Haus Schönenberg-Ötisheim. Foto Gärtner)

Grabstein von Daniel Mondon, dem „letzten waldensischen Pfarrer von Württemberg“ (Foto: Albert de Lange)


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