Schönenberg (bei Ötisheim)

Schönenberg ist eine Neugründung der Hugenotten und Waldenser. Die Siedler stammten hauptsächlich aus dem Queyras. Sie hatten sich 1699 zuerst in Dürrmenz niedergelassen, konnten dort aber, da die Markung ziemlich gering war, nicht alle untergebracht werden. Daher wurden vor allem die Bauern in die Nachbardörfer ausquartiert.
Schon sehr bald, im August 1699, suchte die Kolonie Dürrmenz um den Seuberg/Säuberg auf Ötisheimer Gemarkung an, um dort Maulbeerbäume anzupflanzen. Der Platz bekam daher den Namen des Mûriers. Jedoch die Maulbeerbäume gediehen nicht, obwohl man es bis 1727 immer wieder mit Neuanpflanzungen versucht hatte. So nutzten die Waldenser das Land auch für Hausplätze, Höfe, Gärten und Äcker. Es entstand eine kleine Kolonie, die anfangs 55 Personen zählte, eine eigene Gemarkung bekam und den Namen “Schönenberg” erhielt.

Henri Arnaud

Pfarrer Henri Arnaud baute hier 1702 ein Haus auf eigene Kosten, das bis auf den heutigen Tag trotz einiger Erweiterungen im wesentlichen noch unverändert dasteht. Von Schönenberg aus betreute er die Gesamtgemeinde Dürrmenz mit den Filialen Schönenberg, Corres und Sengach. Da die Kolonie Dürrmenz im Abnehmen begriffen war, setzte Arnaud es gegen alle Widerstände durch, daß 1719 auch in Schönenberg eine Kirche gebaut wurde. Nach seinem Tod, 1721, wurde Dürrmenz jedoch wieder Pfarrsitz bis 1824. Die Kirchenbücher wurden immer in Dürrmenz geführt.

Geschichte

Bei der Eingliederung in die lutherische Landeskirche von Württemberg, 1823, wurden Schönenberg und Corres der Kirchengemeinde Ötisheim zugeschlagen; ihnen wurde jedoch die Abendmahlsfeier nach reformierter Art belassen. Damals zählte Schönenberg 228 Seelen, davon 47 reformierte. Erst 1950 wurde in der Schönenberger Kirche die Hostie beim Abendmahl statt des gebrochenen oder geschnittenen Brotes eingeführt, und 1960 die reformierte Abendmahlsliturgie abgeschafft; seitdem wird in allem die württembergische Ordnung befolgt.
1883 wurde die alte Kirche von Schönenberg abgerissen und vom Stuttgarter Kirchenbaumeister Ch. Fr. Leins eine neue Kirche in neoromanischem Stil aus rotem Sandstein über dem Grab von Arnaud erbaut. Die Kirche bekam den Namen “Henri-Arnaud-Kirche” und ist damit die einzige evangelische Kirche in Württemberg, die nach einem Franzosen benannt ist. Sechszehn Jahre später, 1899, wurde in Schönenberg die 200jährige Gedenkfeier der Waldenserkolonien begangen.
Politisch blieb die Schönenberg bis 1924 selbständig. Seither ist sie Teilort der Gemeinde Ötisheim. Heute zählt Schönenberg 346 Einwohner, 83 Häuser, sechs Scheunen und ein Wirtshaus. Ihren Lebensunterhalt verdienen die Einwohner außerhalb der Ortschaft, vor allem in Industriebetrieben der Umgebung. Es gibt keinen selbständigen Landwirt mehr.


Deutsche Waldenservereinigung

1936 wurde in Schönenberg die Deutsche Waldenservereinigung e.V. gegründet, die 1937 das ehemalige Wohnhaus von Henri Arnaud erwarb und es vorläufig instand setzte. Seitdem ist das Haus der Sitz der Deutschen Waldenservereinigung.
Das Henri-Arnaud-Haus ist heute zum geistigen Mittelpunkt der Waldenser in Deutschland geworden. Es enthält ein Museum (Öffnungszeiten: Dienstag und Sonntag 14-17 Uhr) und eine Bibliothek zur Geschichte der Waldenser (Tel. 07041/7436). Die 1899 an der äußeren Mauerwand zur Straße angebrachte Inschrift weist auf die Anpflanzung der ersten Kartoffeln in Württemberg hin. Rechts am Hofeingang steht noch ein Maulbeerbaum.
Am 1. Mai findet jährlich im Hof des Henri-Arnaud-Hauses ein großes Treffen der Waldenser statt. Es ist frei zugänglich. In Schönenberg endet der Waldenserweg, der in Großvillars beginnt


Weitere Sehenswürdigkeiten

In der Henri-Arnaud-Kirche befindet sich noch der originale Grabstein Arnauds mit Inschrift. Sehenswert sind hier auch das bunte Michaelsfenster, das fein geschnitzte Kruzifix mit dem kunstvoll ausgehauenen Waldenserwappen und die elf Relieftafeln an der Empore, die die Glaubenskämpfe der Hugenotten, Waldenser und Salzburger darstellen. Vor der Kirche wurde 1993 anläßlich seines 350. Geburtstages ein Statue von Arnaud aufgestellt, die nach einer Kopie des in Zweiten Weltkrieg zerstörten Dürrmenzer Denkmal hergestellt worden ist.
Das Häuschen der Familie Fischer in der Henri-Arnaud-Str. 23/1 geht noch auf die Gründungszeit zurück. Sehenswert ist weiter das Giebelhaus in der Henri- Arnaud-Str. 19 aus dem Jahre 1754 mit rot-braunen Rolläden und dem auf die Haustür gemalten Waldenserwappen.

Rosemarie Weber


Literatur: Alfred Sauberschwarz, Schönenberg in Württemberg (Geschichtsblätter des Deutschen Hugenottenvereins, Zehnt IX, Heft 1), Magdeburg 1899. Mathias Köhler, Evangelische Kirchen in Ötisheim, München und Zürich 1992.




Zu den Bildern

(Bild Gedenktafel Anpflanzung Kartoffeln ohne Unterschrift)

Henri-Arnaud-Haus 1996







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