Serres (bei Wiernsheim)

Ein kleiner Teil der für die colonie de Pinache, etablie à Wiernsheim vorgesehenen ca. 120 Familien (535 Personen) bekam gemäß Rescript vom 30. Mai 1699 seinen Platz zwischen Wiernsheim, Großglattbach, Iptingen und Mönsheim angewiesen. Laut Dekret vom 10. Juni 1699 begann Vogt Greber sofort, den einzelnen Familien ihre Grundstücke zu übergeben; somit kann dieser Tag als Gründungstag des Ortes gelten. Die Siedler gaben ihm den Namen Serres, kam doch die Mehrzahl der Familien aus einem der verschiedenen Dörfer Serre der alten Heimat im unteren Chisonetal. Wurde die Gemeinde auch 1718 noch Quartier du Serre, also „Parzelle“ von Pinache genannt, so gab es wohl bereits 1712 einen eigenen sindic (Schultheiß). Nach ersten gemeinsamen Schritten im Schulverband, Wasser- und Abwasser¬verband erfolgte im Zuge der Gemeindereform - nach rund 275 Jahren gemeindlicher Selbständigkeit - zum 1. Januar 1974 die Eingemeindung nach Wiernsheim. Heute zählt der Ort 675 Einwohner.

Heute

Über mehr als zwei Jahrhunderte lebte man in Serres überwiegend von Landwirtschaft und Obstanbau. Heute wohnt man am Ort und verdient seinen Lebensunterhalt in Industrie, Handwerk und Dienstleistungen in Wiernsheim, im Raum Mühlacker und in Pforzheim sowie in der Region Leonberg, Stuttgart und Böblingen-Sindelfingen. Nur noch zwei Vollerwerbslandwirte und einige wenige Nebenerwerbler erinnern an die landwirtschaftliche Tradition. Ein Baue¬lementevertrieb, eine Schlosserei mit Hufschmiede und ein kleiner Metallbearbeitungsbetrieb bieten einige Arbeitsplätze am Ort. Die bürgerliche Gemeinde unterhält einen Kindergarten; der
Besuch von Grund-, Haupt- und Werkrealschule ist in Wiernsheim selbst geboten. Gibt es auch kein Gasthaus mehr im Ort, so bieten doch Männergesangverein, Kleintierzuchtverein, der evangelische Posaunenchor und die Sport-Freizeit-Gemeinschaft in Serres reichlich Gelegenheit zur sinnvollen Freizeitgestaltung. In „akuten Notfällen“ greifen auch die Männer der Freiwilligen Feuerwehr Abteilung Serres rasch ein.


Waldenserkirche

Kirchlich wird Serres von Anbeginn als Filial von Pinache geführt und teilt sich bis heute den Pfarrer mit Pinache. Das um 1705 errichtete Holzkirchlein wurde, da baufällig geworden, 1761 durch die im schlichten Stil aller Waldenserkirchen massiv erbaute Kirche ersetzt. Auch nach mehreren Renovierungen (zuletzt 1997/98) blieb das ur¬sprüngliche Aussehen weitgehendst erhalten. Pfarrer Henri Salomon Weiss (Blanc), 1730-1742 Pfarrer in Pinache und Serres, legte die ersten kirchlichen Register an (Getaufte ab 1710, Verstorbene ab 1730). Pfarrer Adolf Märkt (1888-1901) hinterließ in seinen Niederschriften wertvolle Informationen über die Vergangenheit seiner Ge¬meinden Serres und Pinache und knüpfte vor ca. 100 Jahren erste Kontakte zu den Menschen in den Ursprungsge¬meinden der Waldenser in Italien. Pfarrer der jüngeren Zeit wie W. Eiss und E. Schäfer (gest. 1995) und W. Jäckle engagieren sich auch bei der Deutschen Waldenservereinigung.

Andenken

Der Kern des heutigen Ortsbildes ist trotz der Zerstörung durch einen Luftangriff am 11.April 1945 (ca. 75% der Gebäude) immer noch das alte Straßendorf mit seinen giebelständigen Wohnhäusern und den rechtwinklig dazu gebauten Scheunen. Südöstlich und westlich davon entstanden in den letzten Jahrzehnten flächenmäßig weit ausgedehnte Wohngebiete.
Zu den ältesten noch erhaltenen Gebäuden gehören wohl das Backhäusle, das Schulhaus (von 1851) und das Anwesen „Jouvenal“ schräg gegenüber dem Rathaus. Archive, Museen oder besondere Denkmäler sind nicht vorhanden. Beim Rathaus steht das Ehrenmal für die Opfer der letzten Kriege und ein moderner Brunnen; die eingemeißelten Namen aller Bürgermeister sollen die Erinnerung an die selbständige Waldensergemeinde Serres bewahren.
Bei Jubiläumsveranstaltungen von Gemeinde und Vereinen mit Festumzügen marschieren in der Regel auch die armen Réfugiés und Waldenserinnen in ihrer Festtagstracht mit.

Hans-Ulrich Osswald

Literatur: Adolf Märkt, Die Waldensergemeinde Serres in Württemberg (Geschichtsblätter des Deutschen Hugenottenvereins, Zehnt VIII, Heft 3), Magdeburg 1899. Karl P. Seeger, Wiernsheimer Heimatbuch, Reutlingen 1986.




Zu den Bildern:

Serres Oberdorf 1899 (Henri-Arnaud-Haus Ötisheim-Schönenberg. Foto Gärtner)

Die Kirche von Serres


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