Gottstreu und Gewissenruh (Oberweser)

Gründung

Zahlreiche Waldenserfamilien waren 1720 von Württemberg in Richtung Ostpreußen aufgebrochen, um dort geeignete Siedlungsplätze zu suchen. Von den jedoch bereits in Berlin aufgrund ihrer Armut abgewiesenen Waldensern gelangten einige über Dänemark (Fredericia, Altona) an die Oberweser. Nachdem auch ein Ansiedlungsversuch in Winnefeld (Solling) gescheitert war, ließ Landgraf Carl von Hessen-Kassel die neu zu gründenden Waldenserdörfer Gottstreu und Gewissenruh zunächst für jeweils 12 Familien konzipieren.


Heute

Waren die Kolonien ursprünglich vor allem landwirtschaftlich geprägt, so handelt es sich gegenwärtig um Wohnsitz-Siedlungen mit kleinen Produktions- und Dienstleistungsbetrieben (u. a. vier Gasthäuser mit Übernachtungsmöglichkeiten). Gottstreu hat zurzeit etwa 380 Einwohner, Gewissenruh hingegen 120. Beide Dörfer sind seit 1971 Ortsteile der Gemeinde Oberweser.

Waldenserkirche

Gewissenruh und Gottstreu bildeten ab 1722 zunächst eine gemeinschaftliche Kirchengemeinde, die durch den französisch-reformierten Pfarrer von Karlshafen betreut wurde. In Schule und Kirche war die französische Sprache bis 1825 maßgebend. Gegenwärtig ist Gottstreu als Filialgemeinde mit der Pfarrei Oedelsheim, Gewissenruh mit der Pfarrei Lippoldsberg verbunden.
Den Anforderungen des reformierten Gottesdienstes entsprechen die örtlichen Waldenserkirchen. In Gottstreu entstand bereits um 1730 ein Kirchengebäude. Die im Türstock sichtbaren Initialen CHL und FRS verweisen auf Landgraf Carl von Hessen-Kassel und dessen Sohn und Nachfolger Friedrich, der zugleich König von Schweden war. Am 1. August 1779 erfolgte die Einweihung der Gewissenruher Waldenserkirche. Eine französische Inschrift im Eingangsbereich ist dem 1. Buch Mose, Kapitel 28, Vers 16 entnommen. Kirchenbücher sind seit 1722 lückenlos vorhanden.




Erinnerungen in Gottstreu

Auf dem Schema des Straßendorfes basieren die Ortsgrundrisse. Die ersten in Fachwerkbauweise errichteten Kolonistenhäuser verbanden in der Regel Wohnbereiche und landwirtschaftliche Räumlichkeiten unter einem Dach. Als älteste noch erhaltene Waldenserhäuser der Kolonie Gottstreu können folgende Gebäude eingestuft werden:

Waldenserstraße 3:
Giebelständiges, zweigeschossiges Fachwerkgebäude in Rähmkonstruktion, erbaut um 1730 für die Familie Mazet, mit einer französischen Inschrift im Giebel, die übersetzt lautet: Ehre sei Gott; traufseitiger Eingang zum Wohnbereich, ursprüngliches Tennentor umgestaltet; Gebäude im 19./20. Jahrhundert erweitert und modernisiert.

Waldenserstraße 7:
Giebelständiger, zweigeschossiger Fachwerkbau, um 1728/29 errichtet für die Familie Rivoir, Andreaskreuze als Schmuckelemente im Giebelbereich, ehemaliges Dorfgasthaus; rückwärtig erweitert und umgebaut.

Untere Straße 2:
Gieblstäniges Kolonistenhaus der Familie Francois Rivoir, ursprünglich eingeschossig, noch im 18. Jahrhundert aufgestockt und erweitert, Fachwerk teilweise erneuert.

In Gottstreu befindet sich vor der Kirche ein Denkmal mit den Namen der Ortsgründer. Im Eingangsbereich des Gottstreuer Friedhofes werden verschiedene historische Grabsteine zur Dokumentation französischer Familiennamen aufbewahrt.


Erinnerungen in Gewissenruh

Typische Waldenserhäuser in Gewissenruh:

Dorfstraße 3:
Giebelständiger, eingeschossiger Fachwerkbau, errichtet in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, teilweise erneuert, rückwärtiger Gebäudeteil abgerissen.

Dorfstraße 4:
Kolonistenhaus der Familie Pierre Costabel, datiert 1760, später erweitert, traufständiger, zweigeschossiger Fachwerkbau.

Ein neben der Gewissenruher Kirche aufgestellter Gedenkstein erinnert an wichtige Daten der Waldensergeschichte.

Waldensermuseum

Das Waldensermuseum in Gottstreu entstand 1991 und ist im ehemaligen Schulhaus
gegenüber der Kirche untergebracht. Seit 1993 besteht der örtliche Verein "Waldenser-freunde Gottstreu / Gewissenruh e. V.", der sich die Erforschung der Waldensergeschichte und Belebung des Waldensererbes zur Aufgabe gemacht hat. In unregelmäßigen Abständen werden Waldenserfeste, besondere Gottesdienste, Vorträge und Studienreisen in die Waldensertäler angeboten. Im Turnus von zwei Jahren wird der 28. Februar als Gründungstag der Waldenserorte gefeiert.
Ferner obliegt dem Verein die Leitung des Waldensermuseums.

Öffnungszeiten des Waldensermuseums (Waldenserstraße 1):
Von Mai bis September jeweils sonntags 15 – 17 Uhr und nach Vereinbarung
Kontakt: Thomas Ende, Königsberger Str. 22, 34359 Reinhardshagen, Tel. 05544/912159,
Rolf Mazet, Waldenserstraße 23, 34399 Oberweser-Gottstreu, Tel. 05574/405.

Thomas Ende


Literatur

Die aktuellen Ergebnisse der örtlichen und überregionalen Waldenserforschung konnten 1997 in Form eines Festbuches anlässlich der Ortsjubiläen vorgelegt werden: Waldenserdörfer Gottstreu und Gewissenruh. Beiträge zur Orts- und Heimatgeschichte und zum Dorfleben 1722-1997.

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