Neu-Isenburg

Neu-Isenburgs Gründung im „großen Wald“ südlich von Frankfurt im Juli 1699 geschah nicht durch Waldenser, sondern durch überwiegend südfranzösische Hugenotten. Der reformierte Graf Johann Philipp von Isenburg hatte sie ursprünglich in seiner kleinen Residenz Offenbach aufnehmen wollen, auch um diese durch eine gezielte Ansiedlung von Manufakturbetreibern und Kaufleuten zu bereichern und zu modernisieren. Als die Flüchtlinge aber, selbst mittellos nach langem Schweizer Zwischenexil, nicht die beträchtlichen Zuwendungen aus den Kollekten erhielten, die man ihnen wohl zuvor in Aussicht gestellt hatte, gewährte der Graf ein Siedlungsprivileg für ein Bauerndorf, das er nach seinem Stammsitz „Isenburg“ nannte; die Urkunde sicherte Hausgrund, Äcker, Wiesen und Bauholz zunächst für 68 Hausplätze und Steuerfreiheit für zehn Jahre. Dennoch war der bäuerliche Broterwerb von Anfang an für die meisten nur eine Notlösung; bald war die Siedlung geprägt von der Strumpfwirkerei, was auch viele Deutsche anzog.

Waldenser

Bereits 1702/03 kamen Waldenser nach Neu-Isenburg, zunächst einzelne aus bereits nach 1685 errichteten Kolonien, später auch viele Pragelaner aus den 1699er Gründungen der Umgebung, so Jean-Léonard Griot aus Rohrbach-Wembach-Hahn und die Gebrüder Gaydoul aus Walldorf, die an ihrem neuen Wohnort sofort als Strumpfmanufakturisten verzeichnet sind. Mitglieder der Familien Arnoul, Pons, Balcet und Passet spielten sowohl wirtschaftlich wie auch als Vertreter der kirchlichen und zivilen Verwaltung Neu-Isenburgs eine bedeutende Rolle, teilweise bis heute. Pierre Arnoul, einer der ersten Waldenser in Neu-Isenburg, war schon in Braunsberg/Witte gewesen, er heiratete 1704 in Neu-Isenburg. Er war jahrenlang Urkundsbeamter des Ortsgerichts und wurde mehrfach zum Kirchenältesten gewählt. Marc Etienne Gaydoul wurde ins gleiche Amt berufen, ausdrücklich mit Hinweis auf die entsprechende Familientradition in seinem Ursprungsort Allevé in Pragelatal.

Geschichte

Von Beginn konnte das ärmliche Dorf nur überleben dank der tatkräftigen Unterstützung des Waldenserbeauftragten Pieter Valkenier, der nicht nur durch Zuteilungen aus den niederländischen und englischen Kollekten die äußerste Not lindern half, sondern vor allem durch die langfristige Finanzierung eines Pastors und eines Lehrers aus Mitteln der Generalstaaten für einen stabilen und dauerhaften Kern des religiösen Gemeindelebens - und damit möglicherweise für das Überleben der Kolonie schlechthin - sorgte.
Im 19. Jahrhundert hat sich Neu-Isenburg zu einer industriell und kleingewerblich geprägten blühenden Kleinstadt entwickelt. Heute zählt es mit den beiden eingemeindeten Ortsteilen Gravenbruch und Zeppelinheim 35.000 Einwohner; neben der industriellen Produktion bestimmen Handel, Verkehrswesen und Dienstleistungen aller Art die gewerbliche Struktur.


Andenken

Östlich der Bundesstraße 3 kann man noch im „Alten Ort“ den denkmalgeschützten quadratischen Ortskern mit acht Gassen anfinden, deren vier breitere ein Andreaskreuz bilden. Er stellt eines der wenigen verwirklichten Beispiele einer barocken Idealsstadt dar, ursprünglich vermessen nach dem eigenen kleinen „Isenburger Fuß“. Auf dem Marktplatz markierte ehemals das erste Rathaus von 1702 das Zentrum; es wurde aber 1876 wegen Baufälligkeit abgerissen. Am Ende der Pfarrgassse steht noch das erste Schulhaus von 1704. Die heutige, nach ihrer Kriegszerstörung restaurierte Kirche der evangelisch-reformierten Gemeinde am Marktplatz datiert von 1775. Sie steht auf dem Grundstück der ersten, einer kleinen Holzkirche, die 1702 begonnen wurde und erst mit dem Ertrag mehrerer Kollektenreisen nach 1706 fertiggestellt werden konnte. An der Ecke B3/Löwengasse birgt das Gebäude des früheren Gasthauses „Zum goldenen Löwen“ das Heimatmuseum. Etwas weiter nördlich an der Gemarkungsgrenze zum Frankfurter Stadtwald erinnert das „Frankfurter Haus“, eine noch heute bestehende Gaststätte, an frühe Konflikte mit den Frankfurtern, die bereits 1701 einen Förster beauftragten, von diesem neuen Forsthaus aus ein wachsames Auge auf den Waldfrevel der Leute aus dem „welschen Dorf“ zu haben.

Gudrun Petasch


Literatur: Le Livre du Consistoire 1706-1754. Das erste Konsistorienbuch der Französisch-Reformierten Gemeinde Neu-Isenburg. Übersetzt und teilweise rekonstruiert von Gudrun Petasch, Neu-Isenburg 1998; Heidi Fogel und Matthias Loesch (Hrsgg.), "Aus Liebe und Mitleiden gegen die Verfolgten". Beiträge zur Gründungsgeschichte Neu-Isenburgs, Neu-Isenburg 1999. Gerichtsbuch der Gemeinde Isenburg. Protokolle der Jahre 1727-1733, das dem Französischen übersetzt und herausgegeben von Gudrun Petasch,Neu-Isenburg 2005.

Zu den Bildern

Der Neu-Isenburger alte Ortskern um 1848. Eine Rekonstruktion von 1974 (aus: Thomas Peter, Die Stadtgründung von Neu-Isenburg als Beispiel einer Idealstadt, Neu-Isenburg 1990, S. 20)

Der kleine Isenburger Fuß (1 Fuß = 12 Zoll) aus Messing, am 1. Juli 1699 vom Grafen Johann Philipp der Dorfneugründung als Vermessungsgrundlage zugeeignet. Dieses im Vergleich zu den Nachbarorten kleinere Feldmaß gilt als eine der Ursachen, weshalb die Neu-Isenburger sehr arm blieben und oft ihren Steuerplichten nicht nachkommen konnten, denn die Steuerforderungen bezogen sich entsprechend auf relativ kleine und damit ertragsärmere Ländereien. (Das Original befindet sich im Archiv der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde am Marktplatz.)

Die erste Schule von 1702 in der Pfarrgasse. Die Inschrift ist späteren Datums. (Foto Archiv des Neu-Isenburger Rathauses)


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