Waldensberg bei Wächtersbach

Waldensberg wurde im Jahre 1699 auf einer der ersten, südlichen Vogelsberg-Anhöhen im Hessischen gegründet. Die Gründer stammten aus Mentoulles und Usseaux. Etliche Privilegien gewährte der damalige Graf Ferdinand Maximilian I. von Ysenburg-Wächtersbach den wegen ihrer reformierten Konfession Verfolgten: Land, Befreiung von etlichen Abgaben und Militärdienst, relative Selbständigkeit in der weltlichen und kirchlichen Gerichtsbarkeit. Darum wurden sie lange von den benachbarten Dörfer beneidet und etwas verächtlich als die „Welschen“ bezeichnet. Bis ins letzte Jahrhundert sprachen die Waldenser neben der deutschen Sprache noch französisch. Nach der sog. Hanauer Union von 1818 gliederte sich die Kirchengemeinde in die Evangelische Kirche von Kurhessen ein. Das Dorf ist seit 1971 ein Stadtteil von Wächtersbach und hat heute 440 Einwohner.
Früher stellten die Einkünfte aus Landwirtschaft und Wollkämmerei den Lebensunterhalt sicher. Heute verdienen die meisten Berufstätigen im Dienstleistungssektor und in den großen Industrien im Kinzigtal, in Hanau, Offenbach und Frankfurt; wenige betreiben Heimarbeit; eine Bäckerei, eine Metzgereifiliale, ein Lebensmittelgeschäft und ein landwirtschaftlicher Betrieb bieten ihre Produkte der Kundschaft aus dem Ort an.

Waldenserkirche

Die alte Kirche war 1739 eingeweiht worden. Am 2. April 1945 fiel sie zusammen mit vielen Häusern des Dorfes dem Beschuß US-amerikanischer Infanterie gegen eine nach Nordosten sich zurückziehende deutsche SS-Truppe und den nachfolgenden Bränden zum Opfer. Jährlich läuten am 2. April abends die Glocken und erinnern an die Schrecken jenes Tages, immer im Jahrfünft wird ein Gedenkgottesdienst abgehalten. Die dann wiederaufgebaute, 1949 eingeweihte Kirche ist schlicht, aber gefällig: ein Raum der Einkehr, der Feierlichkeit und der Konzentration auf das Wesentliche. Zwei Schriftworte an der Altarwand Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig und Laß dir an meiner Gnade genügen bezeugen das genauso, wie das Waldenserzeichen (Bibel, Kerze mit Flamme und sieben Sterne darum, überschrieben von dem Satz Lux lucet in tenebris) an der rechten Wand des Kirchenschiffes die waldensische Bibelfrömmigkeit bezeugt. Untypisch für die reformierte Tradition ist das Deckengemälde mit dem aus dem Grab erstandenen Christus. Vor der Kirche, an der Seite zur Leisenwalder Straße hin, erinnert ein heimischer Findling mit Tafel und Inschrift an die besondere Geschichte der Waldensberger Vorfahren. Die Seitenstraße am Pfarrhaus ist nach dem bekannten waldensischen Pastor Henri Arnaud benannt.
Das älteste Kirchenbuch ist erhalten, selbstverständlich auch die jüngeren seit 1945; alle anderen Kirchenbücher sind am 2. April 1945 ebenfalls ein Raub der Flammen geworden. In der Pfarramtsbibliothek findet sich eine bescheidene Auswahl zur Waldensergeschichte und zu verschiedenen Waldensergemeinden


Andenken

Die Evangelische Kirchengemeinde Waldensberg unterhält mit der italienischen Waldensergemeinde Bobbio Pellice eine kirchliche Partnerschaft. Besiegelt ist sie durch eine Erklärung, die regelmäßige Kontakte und verbindlich-geschwisterliches Miteinander zum Ziel hat. An beiden Ortseingängen dokumentiert ein Schild diese Besonderheit. Bei Partnerschaftstreffen und anderen besonderen feierlichen Anlässen tragen manche Frauen die Tracht der Waldensertäler in Italien. Einige Familiennamen der ehemaligen Flüchtlinge aus dem Pragelatal haben sich bis heute erhalten, wie Piston, Talmon, Parandier, Guillaumon und Joffroy.

Hansjörg Haag

Die wichtigsten Studien zur Geschichte Waldensberg stammen von Johann Adam Heilmann, der hier Pfarrer war. Die jüngste Veröffentlichung ist von Friedhelm Buchholz, Lebensweg und -not einer Waldensergemeinde. Waldensberg. Von den Siedlungsanfängen bis zur Eingemeindung, Wächtersbach 1992.



Zu den Bildern:

Ortseingang von Waldensberg

Waldensberg um 1905. Postkarte (Nachlaß Pfarrer Johann Adam Heilmann)


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